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 Interpretationsansätze 28.05.2002 (16:41) Maria Hardtmann
Hallo Wolfgang,
ich finde es klasse, daß Heine hier so umgehend und vor allem mit ZITATEN vorgestellt wurde. Ich selbst befasse mich seit ein paar Wochen mit "Deutschland. Ein Wintermärchen", um einen hoffentlich informativen und nicht zu subjektiven Vortrag halten zu können. Bei der Suche nach zusätzlichen Informationen fiel mir auf, dass mögliche Interpretationsansätze zu seinen Werken leider immer die jeweilige politische Richtung der Zeitgeschichte wiederspiegeln. So weist ein Autorenlexikon eines Leipziger Verlages von 1971 auf die Freundschaft Heines mit Marx hin. Stimmt das wirklich? Wenn ja, wäre ja eine Einordnung Heines als Kommunist durchaus begründet. Beim Lesen seines Werkes scheint er aber vielmehr Deutschland als "Nation" anzuerkennen, wenn diese auch in Organisation und Gesellschaft gelitten hatte.
Wie siehst Du Heine selbst?
 Re: Kommunismus 28.05.2002 (19:32) Wolfgang Fricke
Hallo Maria,
danke für's Lob.

> [...] Bei der
> Suche nach zusätzlichen Informationen fiel mir auf, dass
> mögliche Interpretationsansätze zu seinen Werken leider
> immer die jeweilige politische Richtung der
> Zeitgeschichte wiederspiegeln. So weist ein
> Autorenlexikon eines Leipziger Verlages von 1971 auf die
> Freundschaft Heines mit Marx hin. Stimmt das wirklich?
Natürlich haben politische Richtungen und auch der Standpunkt des jeweiligen Autoren Einfluß auf die Wertung eines Schriftstellers. Es gibt keine objektive Geschichtsschreibung und auch letztendlich keine objektive Darstellung einer Person des öffentlichen Lebens.

Ja, Heine war mit Marx befreundet; dazu gab es hier schon den Thread Heine und Marx.

> Wenn ja, wäre ja eine Einordnung Heines als Kommunist
> durchaus begründet. Beim Lesen seines Werkes scheint er
> aber vielmehr Deutschland als "Nation" anzuerkennen, wenn
> diese auch in Organisation und Gesellschaft gelitten
> hatte.
> Wie siehst Du Heine selbst?
Den Kommunismus gab es zu der Zeit noch nicht. Marx' Kommunistisches Manifest entstand erst später. Heine war, gerade zu dieser Zeit, sehr am Saint-Simonismus interessiert, was besonders im Caput I des Wintermärchens zu merken ist:

    [...]

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,
    O Freunde, will ich euch dichten!
    Wir wollen hier auf Erden schon
    Das Himmelreich errichten.

    Wir wollen auf Erden glücklich sein,
    Und wollen nicht mehr darben;
    Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
    Was fleißige Hände erwarben.

    Es wächst hienieden Brot genug
    Für alle Menschenkinder,
    Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
    Und Zuckererbsen nicht minder.

    Ja, Zuckererbsen für jedermann,
    Sobald die Schoten platzen!
    Den Himmel überlassen wir
    Den Engeln und den Spatzen.

    [...]

Heine brachte in seinen Zeitungsartikeln aus Paris (nachzulesen in Lutezia) den Begriff Kommunismus ins Gespräch, als dieser noch weitgehend unbekannt war und immer noch keine einheitliche Strömung darstellte. Dazu mag der Kontakt mit Marx beigetragen haben; wer von beiden aber wen mehr beeinflusst hat kann ich nicht sagen.

Heines Haltung zu dem, was er damals als Kommunismus erkennen konnte war zwiespältig. Im Entwurf einer Vorrede zu Lutezia heißt es:
»[...] Dieses Geständnis, daß den Kommunisten die Zukunft gehört, machte ich im Tone der größten Angst und Besorgnis, und ach! diese Tonart war keineswegs eine Maske! In der Tat, nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit, wo jene dunklen Ikonoklasten zur Herrschaft gelangen werden: mit ihren rohen Fäusten zerschlagen sie alsdann alle Marmorbilder meiner geliebten Kunstwelt, sie zertrümmern alle jene phantastischen Schnurrpfeifereien, die dem Poeten so lieb waren; sie hacken mir meine Lorbeerwälder um, und pflanzen darauf Kartoffeln; die Lilien, welche nicht spannen und arbeiteten, und doch so schön gekleidet waren wie König Salomon, werden ausgerauft aus dem Boden der Gesellschaft, wenn sie nicht etwa zur Spindel greifen wollen; den Rosen, den müßigen Nachtigallbräuten, geht es nicht besser; die Nachtigallen, die unnützen Sänger, werden fortgejagt, und ach! mein »Buch der Lieder« wird der Krautkrämer zu Tüten verwenden, um Kaffee oder Schnupftabak darin zu schütten für die alten Weiber der Zukunft. [...]«

Später im gleichen Text schreibt Heine aber:
» [...] gesegnet sei der Krautkrämer, der einst aus meinen Gedichten Tüten verfertigt, worin er Kaffee und Schnupftabak schüttet für die armen alten Mütterchen, die in unsrer heutigen Welt der Ungerechtigkeit vielleicht eine solche Labung entbehren mußten - fiat justitia, pereat mundus! [...]«

Gruß
Wolfgang

Heinrich Heine - Leben, Leiden, Werk und Hintergrund

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