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 Heines Kunstauffassung 07.09.2004 (13:54) Elisa
Liebe Forum-Experten,

Baumann schreibt in "Poesie und Revolution. Zum Verhältnis von Kunst und Politik im Werk Heinrich Heines" (1982), dass Heines neue Kunstauffassung, die sich in seinen Werken ab "Ludwig Börne" manifestiert (also Autonomie der Kunst), nicht mit der Zensur in Verbindung gebracht werden sollte, sondern mit seiner Abgrenzung nach links. Ich weiß nicht recht, ob ich ihm da zustimmen kann, denn ich meine gelesen zu haben, daß Heine selbst Ironie und Humor als Mittel bestimmt hat, der Zensur zu begegnen. Was meint Ihr?
Ich weiß nicht, mir scheint das zu schwarz-weiß und in zu klaren Oppositionen hier autonome, dort engagierte Literatur bzw. Kunst gedacht zu sein.
Natürlich wendet sich Heine in den 1840er Jahren, mit dem Börne-Buch oder dem "Atta Troll", gegen die platte Instrumentalisierung der Literatur durch die revolutionäre Bewegung - aber in der gleichen Zeit entsteht eine Polit-Satire wie das "Wintermärchen". Gerade die späte Lyrik im "Romanzero" und in den "Gedichten. 1853-1854" läßt sich, denke ich, überhaupt nicht über den Leisten "engagiert" oder "autonom" schlagen. Forciert könnte man sagen, daß Heine mit seiner Dichtung jenseits der einfachen Vereinnahmbarkeit eine neue Ebene des Engagements erreicht.
Versuche, Heine völlig zu entpolitisieren, kommen mir immer sehr zweifelhaft und ihrerseits sehr ideologisch vor - für mich ist er eher der Beweis, daß Künstlertum, extremer Individualismus (wenn nicht Egoismus)und Beharren auf der eigenen Sonderstellung als "großer" Dichter (höchstens Goethe läßt Heine neben sich auf's Podest) sehr wohl, wenn auch oft knirschend und unter Verrenkungen, mit politischem Bewußtsein einhergehen kann. Ein guter Beleg für dieses Selbstverständnis ist z.B. "Entfant perdü" aus dem "Romanzero", vielleicht zusammengelesen mit "Jehuda ben Halevy", wo die Seite der Kunst stärker betont wird.
Das war ein bißchen aus der Hüfte geschossen, aber vielleicht hilft es ja erst einmal weiter.
Viele Grüße
Robert
 Re: Mal wieder zu schwarz-weiß ... 07.09.2004 (17:06) Elisa
Hallo Robert,

vielen Dank für Deine Meinung. Mir ging es eigentlich gar nicht so sehr um die Frage, ob Heine ab dem Börne-Buch eine neue Kunstauffassung, die im Widerspruch zur bisherigen engagierten Literatur steht, vertritt, sondern ich wollte und würde nach wie vor gerne wissen, welcher Umstand für die zumindest im Atta Troll vorhandene Auffassung von der autonomen Kunst und dem "zwecklosen Lied" vorherrschend verantwortlich war: Baumann erklärt dies mit der Zensur, ich könnte mir allerdings vorstellen, dass dies kein ausschlaggebender Grund für Heine war, den Atta Troll zu verfassen. Denn wenn man dann z.B. das Wintermärchen in die Betrachtung einbezieht, hat man doch das Gefühl, dass Heine die Zensur bei diesem Werk zumindest völlig schnuppe war. Oder denke ich jetzt zu einfach und vergesse einige wichtige Aspekte?

Viele Grüße von Elisa!
 Heine und die Zensur 10.09.2004 (14:34) Robert
Hallo Elisa,
Heine und die Zensur, das ist natürlich ein weites Feld (das, glaube ich, auch schon öfter hier im Forum verhandelt wurde). Ich habe die Arbeit von Günter Baumann nicht gelesen, aber er hat natürlich insofern recht, als Heines ganzes Schreiben natürlich ohne die Zensur gar nicht zu denken ist. Es gibt irgendwo nach 1848 eine Bemerkung Heines, nach der Revolution und dem Ende der Zensur habe sich die Literatur und auch sein eigenes Schreiben verändert/verschlechtert, weil es nun keine Instanz mehr gebe, die die Autoren zwinge, kunstvoll mit einer verborgenen Wahrheit umzugehen. Das scheint also für jeden Einzelzug jedes Textes zu gelten, gilt aber auch für ganze Werke: Nach dem Bundestagsbeschluß gegen das Junge Deutschland von 1835 z.B. kommt Heine erst einmal mit vermeintlich unpolitischen Schriften zum deutschen Volksglauben heraus - die aber, genau gelesen, ebenso seine Ideale einer (sinnlichen) Emanzipation vertreten wie die "Nachträge zu den Reisebildern" oder die Deutschland-Schriften.
So allgemein trifft es also auch den "Atta Troll", aber das dortige Plädoyer für eine autonome Kunst richtet sich doch stärker, finde ich, gegen die schlechte Polit-Lyrik der Vormärz-Literaten - z.B. die Freiligrath-Parodie oder Atta Trolls "politische" Reden. Im übrigen war der "Atta Troll" ja durchaus ein Zensur-Opfer: Die Buchfassung und der (wenn ich mich recht entsinne, vom Herausgeber beschnittene) Zeitschriftendruck unterscheiden sich nicht unerheblich (die Heine-Säkularausgabe druckt beide Fassungen ab).
Daß Heine die Zensur schnuppe war, kann man wiederum eher nicht sagen: Ich denke, sie gehörte zu den Bedingungen seines Schreibens, mit denen er sehr bewußt und sehr spielerisch umging. Schönstes Beispiel: In den "Reisebildern", ich glaube im "Buch Le Grand", gibt es eine Seite mit fingierten Zensorstrichen, also so, als hätte die Zensur stellen entfernt, wie es sonst üblich war. Der Text der Seite ist ungefähr so: "Die deutschen Zensoren ------------Dummköpfe----------"
Die schlausten Überlegungen zu dem Thema findest Du in den Aufsätzen von Norbert Altenhofer, Die verlorene Augensprache, Insel-Verlag, Frankfurt 1993(?), aber auch im nie genug zu lobenden Heine-Handbuch von Gerhard Höhn (Metzler, Stuttgart, gerade in 3. Auflage erschienen) findet sich einiges.
Viele Grüße - und gutes Weiterdenken!
Robert

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